Fotos: Anastasiya Kolesnyk, Elena Kostenko, Anne Daur-Lyrhammer; Texte: Anne Daur-Lyrhammer

Nastya (33), Lena (28) und Mia (3) aus der Ukraine treffen auf Anne (46), Ute (46), Samuel (14), Joshua (12) und Jolanthe (8). Sie wohnen jetzt in Dietzenbach in der kleinen Wohnung von Annes Vater. Und beschenken uns mit wunderbaren Begegnungen.


Nastya (33), Lena (28) and Mia (3) from Ukrain meet Anne (46) and Ute (46), Samuel (14), Joshua (12) and Jolanthe (8). They are now living in Dietzenbach, in a small apart- ment belonging to Anne’s father. We are sharing many beautiful moments together. 

Blog (English Version)

 

 

Anne und eine Teilnehmerin sitzen auf einem Sofa im EVA

Am 01. Juli waren alle Frauen* ins EVA eingeladen zu einem ganz besonderen Filmabend. Beim Lesbischen Filmhäppchen Special für die Ukraine erwarteten sie Bilder, Texte, Gespräche, Begegnungen und natürlich ein Film - und was so nicht planbar war, aber wunderbar: Köstliches ukrainisches Essen.

Als ich „meinen“ ukrainischen Freundinnen hier in Dietzenbach von dem Abend erzählte, sagten sie sofort zu, für uns zu kochen. Lena formte über Tage hinweg unzählige kleine gefüllte Teigtaschen, Wareniki. Unsere Eisvorräte wurden freudig vernichtet, um im Tiefkühlschrank Platz zu schaffen für die Lieferungen. Ira kam, um sich unseren größten Topf auszuleihen und kochte Borschtscht für alle. Anastasia brachte kleine Mlyntsi-Pfannkuchen als Dessert mit. Und dann durchzog das EVA ein wunderbarer Duft als die ersten Gäste kamen.

Leider konnten die Frauen der Aktion soli.kino wegen Covid kurzfristig nicht dabei sein, aber die Filme wirkten ganz für sich. Alina Shevchenko war über eine bewegende Videobotschaft mit im Raum bevor ihr Film „Women* What we are fighting for“ (UA: 2020, R: Viktoria Guyvik, K: Alina Shevchenko) gezeigt wurde. Dann gab es noch den Trailer zu ihrem neuen Filmprojekt über ukrainische Frauen* im Alltag des Kriegs. Alina reist aus dem Exil in Prag immer wieder zurück in die Ukraine, um Aufnahmen zu machen und zu dokumentieren, was dort geschieht. Denn ihre große Bitte ist: „Vergesst uns nicht!“.

Nach dem Hauptfilm über Aktivistinnen in ganz unterschiedlichen Ländern, kam spontaner Applaus auf. Nach dem Trailer zu den ukrainischen Frauen* im Krieg: Stille.

Wie froh war ich, erzählen zu können, dass Ira während des Films so bewegt gewesen war, weil sie Freundinnen* aus ihrer Heimatstadt Charkiw in der Dokumentation erkannt hatte. Jetzt kam Leben in den Raum, die ukrainischen und deutschen Frauen setzen sich zusammen an die Tische und begannen zu fragen und zu erzählen. Auch meine Eltern, die eigentlich als Kindersitter da waren und sich dezent auf den Balkon gesetzt hatten, wurden hereingebeten und es war sehr wichtig für einige Frauen, zu erleben, dass es Eltern gibt, die ihre lesbische Tochter so unterstützen. Lange noch wurde gesprochen und sogar getanzt. Nastyas ukrainische Lieblingslieder im Wechsel mit Utes Musikauswahl. Alle zusammen.

Am nächsten Tag schrieb Olga per WhatsApp: „Vielen Dank für den wunderbaren Abend gestern! Wir sind bis jetzt begeistert! Es war sehr cool!“

Nastya hat wieder wunderbare Fotos gemacht (danke!!) und über 170€ kamen zusammen an diesem Abend für die Arbeit der ukrainischen Filmemacherinnen* und die Organisation Sphere in Charkiw.

Die Regisseur*innen können unterstützt werden. Sie haben eine Crowdfunding-Kampagne für ihren neuen Film gestartet: "Can’t stay can’t run" - eine Dokumentation über Frauen im Krieg in der Ukraine: 

https://www.startnext.com/en/cant-stay-cant-run 

 

 

Schild Haustüre

11.05.22

Lange schon hat Elena mir dieses wunderbare Bild gesendet. Und ich kam nicht dazu, es für unseren Blog zu verwenden.

Sie hat den Eingangsbereich unseres Hauses fotografiert, um so von Herzen “Danke” zu sagen. Heute habe ich es wiederentdeckt und es hat mir gutgetan. Nach einer Woche mit Covid und dem Gefühl, einfach gar nichts tun zu können, erinnert es mich, an das, was mir wichtig ist. Ja, ich bin völlig erschöpft. Ja, ich bin inzwischen oft auch genervt und überfordert. Und trotzdem. Dieses “Welcome” trägt wie ein Mantra.

Falke unterm Dach

06.05.22

Seit Tagen, eigentlich seit Wochen, ist Wohnraum zum größten Thema hier geworden.

Genauer gesagt: Fehlender Wohnraum und die Sehnsucht nach Ankommen, Schutz, Privatsphäre, Zukunft. Das ist so anstrengend und kompliziert, dass ich eigentlich gar keine Lust hatte auch noch hier darüber zu schreiben.

Gestern aber ist etwas passiert: Bei uns am Haus sind zwei Falken eingezogen. Genauer gesagt: Ein Turmfalkenpaar hat den Tauben, die bisher bei uns wohnten, das Nest weggenommen. Seit Jahren brüten Tauben auf einem Balken bei uns unterm Dachvorsprung. Und jetzt sitzen dort diese wunderschönen Falken-Vögel und machen ein Riesengeschrei. Nicht, dass die Tauben ihr Nest einfach aufgegeben hätten. Auch sie haben geschrien, gekämpft. Den ganzen Tag war ein großes Spektakel. Auf dem Balkon liegen Zweige vom Nest und Federn, die beim Kampf gelassen wurden. Und die unterlegenen beiden sitzen immer noch in der Nähe und können den Rauswurf nicht fassen. Zumindest stelle ich mir das so vor. Vielleicht fühlen Vögel ja aber auch ganz anders.

Hier wurde Familienrat gehalten: Die Falken verjagen? Die Tauben beschützen? Wenigstens mal hochklettern und nachschauen, ob sie schon gelegt hatten und dann die Eier retten? Wir werden gar nichts tun. So haben wir entschieden. Einfach aushalten, was hier passiert und uns möglichst freuen, an den besonderen neuen Mitbewohner*innen.

Und was hat das alle mit der Ukraine zu tun? Mit Deutschland? Ich fühl es und kann es nicht genauer sagen. Aber wenigstens kann ich jetzt dazu schreiben, wie schwer das ist. All diese Not auszuhalten und mit-auszuhalten, die entsteht, wenn Menschen ihr Zuhause verlieren, ihren Schutz, ihr Nest. Wenn Wohnungsbesitzer*innen auf keinen Fall an “solche Menschen” vermieten wollen. Wenn die Vorgaben der Behörden unfassbar kompliziert sind. Wenn hilfsbereite Gastgeber*innen an der Grenze zur völligen Überforderung entlangschlittern. Wenn den neu entstandenen WGs der Atem ausgeht vor lauter Mangel an Privatsphäre, an gemeinsamer Sprache, an Raum für eigene Bedürfnissen. Wenn Menschen, die selbst seit Jahren um angemessenen Wohnraum kämpfen, jetzt auch noch mit neuen Geflüchteten konkurrieren müssen...

Und ich habe den tiefen Wunsch, dass alle sich irgendwie nach und nach wieder etwas beheimaten können - in sich selbst, in Beziehungen, in guten Momenten, im Glauben, im Vertrauen auf eine Zukunft. Auch wenn die Quartiere zu voll und zu einfach sind und vor allem zu temporär. Auch wenn so viel anderes zu bewältigen ist. Auch wenn die Angst um die Lieben und um die Heimat über allem schwebt.

24.04.22

Nastya, Elena und Mia haben eine eigene Wohnung! Halleluja! 

Nastya hat in ihrer direkten Art einfach einen älteren Herrn angequatscht, nach dem Einkaufen bei Lidl: “Cooles bike”! Vier Wochen später sind sie bei ihm im Dachgeschoss eingezogen. In eine wunderbare kleine eigene Wohnung. 

Es gab viel hin und her, viele Gespräche, viel Vermittlung. Die Frauen haben selbst renoviert und geputzt. Der Vermieter hat viel mehr mitgeholfen, als er sich wohl vorgestellt hatte. Und wir haben sehr viel gelacht. Über Missverständnisse zu Dampfkochtöpfen und Erdbeerpflanzen, zu Tischlerarbeiten und Disziplin. Und über das Outfit, das Nastya für ihren Arbeitseinsatz verpasst bekommen hat.

Manchmal fühlt sie sich wohl wie ein Alien, wenn ihre Art zu denken und zu handeln, zu planen und zu arbeiten so gar nicht zu der Welt hier passt. Anastasiya ist wunderbar, so wie sie ist, und das Alien-Outfit trägt sie mit Stolz und Humor!

Tür mit Happy Birthday Schild

08.04.22

Jetzt ist die kleine Mia 4! Happy Birthday! Wir schmücken die Eingangstüre für die große Party und mir fällt dort ein Bild auf. Zum ersten Mal seit langem nehme ich es wieder richtig wahr. Es hat sich gut gehalten. Über zwei Jahre schon Wind und Wetter überstanden. 

Unsere Tochter Jolanthe hatte diesen Regenbogenganz zu Beginn der Covid Pandemie gemalt, einfach mit Wasserfarben auf Papier. Damals hatten viele Kinder Regenbogen-Bilder gemalt und in die Fenster gehängt mit der Botschaft, die irgendwie Überzeugung und gleichzeitig auch Wunsch und Hoffnung war: “Alles wird gut!”

Ich lasse das Bildhängen. Das können wir weiterhin brauchen – für Mia und für uns alle.

Borschtsch im Glas

05.04.22

Fotos sagen manchmal mehr als Worte – diese Weisheit wenden wir zurzeit gerne ganz praktisch an... Um den Verschluss der Badewanne zu erklären, die Programmierung einer Heizung, um Wege und Orte in digitale Karten einzuzeichnen oder eben um einzukaufen.

Ute und ich laufen in unserem Edeka-Markt schon seit Jahren relative achtlos am Spezialitätenregal mit russischen Produkten vorbei. Jetzt sind wir ganz anders aufmerksam, haben eine Idee. Nastya und Lena bekommen ein Foto mit der Frage, ob sie etwas davon möchten. Und die beiden zeichnen uns das gewünschte Produkt ein.

Der Schatz ist Buchweizen. Das verstehe ich später, als Lena ihn für uns alle gekocht hat. Der Geschmack trägt mich zurück in meine Kindheit, in die Vollwertkost-Phase meiner Mutter. Wohlig und schön ist das. Und ich bekomme Lust die Buchweizenbratlinge von damals zu machen, jetzt auch für meine Kinder. 

Mobiltelefone auf Tisch

02.04.22

Immer noch bin ich ab und an überrascht wie wichtig Mobiltelefone beim Thema Flucht sind. Dass das so ist, hatte ich 2015 gelernt, als unser neues somalisches Familienmitglied mir erklärte, wie Fluchtrouten mithilfe der Handys funktionieren.

Jetzt liegen regelmäßig mindestens drei oder vier Telefone hier auf dem Tisch und manchmal habe ich die Idee, diese Dinger kommunizieren miteinander – nicht wir Frauen.

Was die drei auf dem Foto sich wohl erzählen?? Wie auch immer: Google Translate ist die Rettung in den letzten Wochen. In Internetportalen, bei Kurznachrichten, bei Seelsorge und Alltagsgesprächen. Toll, wie aus meinen deutschen oder englischen Sätzen mit ein paar Klicks kyrillische russische Buchstaben werden. Und Ukrainisch sieht so wunderschön aus. 

Noch schöner aber, wenn wir immer mehr und immer wieder auch direkt kommunizieren können. Die Kinder (ohne Handys) machen es uns einfach vor! Und es geht. Manchmal sogar viel besser als mit GoogleTranslate.

Als Beispiel eine Übersetzungsleistung dieses Wunderwerks der Technik. Was die Empfängerin sich dabei wohl gedacht hat, möchte ich mir nicht wirklich vorstellen!! Wir haben jedenfalls sehr gelacht!

“Hello! Can you write something about your family? So I can look for a safe place or try to help! I use Google Translate, hope it’s correct! Take care! Anne!”

Übersetzung ins Ukrainische und dann ins Deutsche:

Hallo! Chan Yiwu schreibt etwas über Ihre Nachnamen? Also chan Zwiebel für einen Schrank oder drei Schreie, um zuhelfen! Und alle Google-Übersetzer, op es isttsorrets! So ein König! Anne

Vespa

24.03.22

Immer wieder schwärmen Lena und Nastya vom Rollerfahren. Das kennen und lieben sie aus Sri Lanka, wo sie für Anastasiyas Photo-Jobs waren. Und dann erzählt mir Nastya, dass sie bei ebay Kleinanzeigen einen Roller für sich entdeckt hat, ganz günstig!! Ungläubig frage ich, wo der Haken ist. „Alles funktionert!“ Ist sie sich sicher. „Ein super Angebot. Der Scooter hat nur keine Papiere. Kann ich doch trotzdem kaufen, oder?“„Nein!“ Klare Antwort. Ich komme mir mal wieder ziemlich deutsch vor.

Doch dann überlege ich, spreche mit meinen Eltern. Als Teenager hatte ich meine geliebte alte weinrote Vespa. Die steht immer noch dort in der Garage. Ich recherchiere Speditionen und Preise, Versicherung usw. und dann wird geliefert.

Der Fahrer hatte unterwegs einen Unfall und ist ziemlich gestresst. Aber als er mitbekommt, wer die Vespa fahren soll, ändert sich die Stimmung schlagartig. Er strahlt und redet drauf los. Ich verstehe kein Wort mehr. Auf Russisch erklärt er Anastasiya geduldig, wie so eine Vespa mit Gangschaltung zu fahren ist. Er ruft noch einen Kollegen an und lässt ihn am Handy mithören, ob das Gas nicht vielleicht zu hoch dreht?! Ein LKW Fahrer aus Bulgarien, Anastasiya aus der Ukraine und Joshua aus Deutschland knattern die Straße rauf und runter und machen Vespa-Party bei uns vorm Haus. 

Wilde Wiese Tischtennis

23.03.22

In Dietzenbach gibt es eine Kinder- und Jugendfarm, die Wilde Wiese. Seit Jahren wächst hier ein Freiraum für Kinder - wild und wunderbar. Es gibt Holz und Werkzeug zum Hüttenbau, Gartenbeete, Matsch, Hängematten, Lagerfeuer, Stockbrot und ganz viel Platz zum Spielen. Wir zeigen Nastya und Lena die Wilde Wiese und sie sind glücklich. Mia ist sofort mit den anderen Kindern unterwegs. Wir Großen haben Zeit in der Sonne zu sitzen und zu reden. „Das ist hier wie bei meiner Großmutter“ strahlt Elena.

Und dann spielen die beiden Tischtennis zusammen, Nastya und Lena. Zum ersten Mal seit sie hier sind, erlebe ich, wie sie ausgelassen zusammen lachen.

Gedeckter Tisch

17.04.22

Wir feiern Ostern. Unsere ukrainischen Gäste feiern eigentlich eine Woche später. „Heute ist für uns Palmsonntag“, sagt mir eine der neuen Freundinnen lachend über Google Translate.

Inzwischen sind es nicht mehr nur Anastasiya, Elena und Mia, die uns ans Herz gewachsen sind, unser Leben bereichern und durcheinanderbringen. Da sind auch Anastasiia und Ivan mit ihren Kindern Yegor und Varvara, da sind Hanna, Olga und Iryna und Raisa mit ihren Katzen. Und andere, die hier nur kurz Station gemacht haben oder über Textnachrichten und WhatsApp Call mit uns verbunden waren.

Bei Ostern geht es um eine Erschütterung und um eine Zeitenwende – so hat es der Pfarrer heute Morgen im Gottesdienst gesagt. Zeitenwende ist ein Begriff, der in der Politik gerade vielfach gebraucht wird und den ich gar nicht wirklich mag. Ich denke lieber an durcheinanderbringen, alles wird auf den Kopf gestellt, unsere Vorstellungen von machbar und wunderbar, unsere Ideen von Tod und Leben. Und ob Ostern nun heute ist oder nächsten Sonntag oder jeden Tag. Wir haben heute zusammen gefeiert. Mit meinen Eltern, mit unserer Familie, mit ukrainischen Freund*innen. Zeitweise waren wir 15 Personen im Haus und im Garten.

Als mein Vater abends gute Nacht sagt, meint er: „Das war so schön. Mit all den Kindern. So viele Menschen zusammen. Dieses Fest hätte Jesus gefallen!“

Ute mit Willkommensschild am HBF

25.03.22

Ute fragt mich irgendwann, warum die drei denn gerade nach Deutschland kommen wollten. Ich erzähle von der ersten Kommunikation mit Anastasiya. Damals hatte ich gefragt, ob sie denn jemanden kennen in Deutschland und was genau sie brauchen würden.

Die Antwort: I have no friends in Germany. It doesn’t matter for us which apartment, the main thing is that it would be warm there. Ich habe keine Freund*innen in Deutschland.

Es ist egal für uns, welche Wohnung, die Hauptsache ist, dass es dort warm wäre.

Heute, nach genau drei Wochen in Dietzenbach, haben die drei mehr Freund*innen, als ich je gedacht hätte. Und das liegt natürlich nicht an der warmen Wohnung, sondern an wunderbaren Menschen hier und an diesen warmherzigen Frauen aus der Ukraine.

Nastya mit T-Shirt We can do it!

14.03.22

Ein T-Shirt aus den Spendenkisten bringt uns gemeinsam zum Lachen: In Großprint das bekannte feministische Bild der Arbeiterin mit dem Spruch „We can do it!“.

Nastya trägt es voller Stolz im Garten als sie unsere Hecke schneidet - mit schwerem Gerät und großer Leidenschaft! An diesem Abend ist sie erschöpft und glücklich.

Daheim (Ukraine)

13.03.22

Nachrichten vom 13.03:

Nastya: I slept very badly today, almost did not sleep… I thought that I was calm, but as it turned out, I was not very calm.  I had a panic attack last night.  Lena and I cried together from sadness and sadness.  we live!

Anne: So sorry! And maybe it sounds stupid but it is very normal and good for your health! I thought it would happen sooner. Let's talk about it!

Nastya: I know it's good to cry!  extract energy. (…) Now I really want  my old life.  I don't want to believe that I don't have a home anymore!  that I can't go there now!

Anne: And maybe there will be a chance to return – you never know! At least you are safe with your beautiful family here for weeks, months, years…

Nastya: I can't explain it!  everything is fine here, calm, perfect, you are wonderful people who met on our way.  but in the soul what a hurricane.

mit Brix Schaumburg in der Schule

11.03.22

Seit Monaten freue ich mich wahnsinnig auf einen besonderen Workshoptag in der Schule, in der ich unterrichte. Seit Jahren bin ich an einem Tag pro Woche dort für Religionsunterricht – außerhalb meines Dienstauftrags, einfach weil es mir wichtig ist und Freude macht.

Mit „meiner“ 8. und „meiner“ 6. Klasse war ich im Winter im Bibelhaus in Frankfurt bei der Ausstellung „G*tt (w/m/d)“, wir haben zusammen den Film „Jesus, Queen of heaven“ (gespielt von Brix Schamburg) geschaut, an den Themen, die sich mit Film und Ausstel-lung verbinden, gearbeitet. Und jetzt kommt Brix zu mir in die Schule, zu „meinen“ Jugendlichen. Brix Schaumburg, der erste geoutete Trans-Schauspieler im deutschsprachigen Raum. Am 11.03.2022. Gerade jetzt! Ich bin völlig erschöpft, komme zu nichts und weiß nicht wirklich, wie das auch noch gehen soll…

Aber es geht! Die Kids sind ganz aufgeregt! Als Peet den Klassenraum betritt, ruft er schon vom Gang aus „Ist er da??“ – so wirklich geglaubt hat er es bis zuletzt nicht, dass „der“ wirklich zu uns in die Waldorfschule nach Dietzenbach kommt.

Die Workshops mit den Jugendlichen sind einfach toll. Auch das gemeinsame Mittagessen in der Mensa – Anstasiya, Elena und Mia kommen dazu. Wir bevölkern einen großen bunten queeren „Regenbogen“-Tisch mittendrin im Schulleben. Und dann gibt es noch einen „Erwachsenen“-Workshop für Interessierte Kolleg*innen.

Ich habe Nastya gebeten, ihre Kamera mitzubringen. Sie ist Profi-Fotografin. Und sie macht wunderbare Bilder. Lena und Nastya können kaum fassen, was Brix über sich, sein Leben, seine Wege zum Trans-Mann erzählt. Der Tag ist so wertvoll für uns alle.

Abends sende ich ein paar Fragen und Informationen an Elena und Anastasiya – aber die beiden können nicht wirklich antworten. Sie sind ganz woanders.

Nastya schreibt: „I’m still under the impression of meeting this guy.“

8.3. Feuer und Frauen* im EVA Hof

08.03.22

Nach dem Frauen*Gottesdienst zum 8. März gehen wir alle rüber ans EVA.

Im Hinterhof brennt jetzt das große Feuer. Ein Raunen geht durch die Menge: „Ist das schön!“ Der Hof ist festlich geschmückt, ein Frauenchor singt für uns, verschiedene starke Frauen*-stimmen tragen Texte vor. Natürlich gibt es auch ein Buffet, Glühwein und andere Getränke.

Lena und Anastasiya sind gleich wieder dabei zu helfen. Fröhlich schenkt Nastya Wein aus. „Nein, ich will keinen weißen! Roten! Rotwein!“ höre ich eine Frau bestimmt sagen.

Nastya versteht kein Wort, lacht und schenkt weiter ein.

Friedenskerzen in der Alten Nikolaikirche

08.03.22

Zum Weltfrauentag 2022 ist „Starke Frauen*stimmen“ das Thema für EVA. Ich hatte einen Gottesdienst geplant mit starken Frauen*stimmen aus Afghanistan. Doch eine Woche vor dem 8. März ist klar – es müssen starke Frauen*stimmen aus Afghanistan UND aus der Ukraine zu hören sein. Also plane ich neu. Und erzähle Anastasiya und Elena davon.

Sie entscheiden sofort, dass sie dabei sein möchten. Um 19 Uhr sind sie in der Kirche. Nastya sagt mir später, dass sie noch nie in einem Gottesdienst war.

Lena geht irgendwann mit der kleinen Mia raus, als es für die Dreijährige lang wird. Anastasiya bleibt. Beim Segen zum Schluss steht das ganze Gottesdienstteam vor dem Altar, dann singen wir mit allen in der Kirche „We shall overcome“. Wir stehen und singen. Viele Frauen* sind den Tränen nahe, einige schließen die Augen.

Bei der Zeile „We’ll walk hand in hand someday“ schaue ich zu Anastasiya.

Ich gehe hin, nehme ihre Hand, sie kommt mit nach vorne.

Hier stehen wir. Frauen aus Afghanistan, aus der Ukraine, aus Frankfurt. 

„We shall live in peace, someday. Oh, deep in my heart, I do believe: We shall overcome someday“. Und dann singen wir „We are not afraid TODAY“.

Anastasiya und Anne, ganz fest halten wir uns an der Hand.

Lena, Nastya und Mia auf dem Römerberg

08.03.22

Samuel (14) ist bereit, unseren Gästen Bahnfahren nach Frankfurt zu zeigen. Nach der Schule bekommt er bei ihnen ukrainische Crêpes zum Mittagessen. Dann geht’s los.

Als die vier im EVA ankommen, helfen alle mit bei den Vorbereitungen für unsere Feier zum Weltfrauentag. Ganz selbstverständlich.

Danach machen wir eine Pause, holen ein Eis und schlendern über den Römerberg.

Die ersten Demonstrant*innen zum 8. März versammeln sich. Lena fragt verunsichert: „And where’s the police?“

Ich erkläre den beiden Frauen, dass in Deutschland Demonstrationen erlaubt sind und angemeldet werden. Wenn Polizei kommt, soll sie die Menschen schützen. Die beiden können es kaum fassen.

Ähnlich war es, als sie erzählten, dass sie sich in der Ukraine als Paar in der Öffentlichkeit nicht an der Hand halten können. Und wissen wollten, wie das in Deutschland ist. Und immer wieder, ungläubig, die Frage: „And we can really marry here?“ Dürfen wir hier wirklich heiraten?

Spenden in Kisten mit Anne

07.03.22

Eigentlich hatten wir nur ganz wenigen Leuten von unseren Gästen aus der Ukraine erzählt. Manche hatten wir beim Spazierengehen getroffen, im Park, auf dem Spielplatz in der Schule. Ein befreundetes Frauenpaar hatte ich konkret um Kleidung für Mia gebeten – weil die Kinder fast gleich alt sind. Sie laufen zur Höchstform auf mit ihrem Netzwerk.

Am Sonntag ist unser Wohnzimmer so voll mit Spenden, dass wir kaum mehr durchkommen. Und zwei Mal wird auch selbstgemachter Kuchen gebracht, in Großfamilienmengen!

Kinderroller, Laufräder, Kinderhelme warten in der Garage. Sogar ein gutes Rad mit Kin-dersitz. Ein zweites Rad kauft eine Freundin einfach übers Internet und bringt es zu uns.

Bei Anfragen über ebay Kleinanzeigen werden Dinge kostenfrei gespendet und sogar geliefert. Einem Mann aus der Nachbarschaft erzähle ich, dass wir die Sachen für unsere Gäste bekommen. 5 Minuten später klingelt es. Er bringt sein hochwertiges Fahrrad als Spende. Wir hatten vorher noch nie miteinander gesprochen. Wir sind überwältigt.

Mia und Joli beim Spielen mit Puppe
Textnachricht 6.3.22, 9:13 Uhr:
Transparent in der Nachbarschaft

07.03.22

Elena und Anastasiya sprechen miteinander Ukrainisch, mit ihrer Tochter Russisch. Sie soll beide Sprachen lernen. Unsere ersten Worte Ukrainisch und Russisch sind:

Buh,

Fläschchen,

Wasser,

Freundin,

Gurke,

Huhn,

Marienkäfer,

Gänseblümchen,

Auf geht’s.

Mia hat sie uns beigebracht.

Sonnenaufgang

06.03.22

Morgens 5 Uhr, ungewohnte Geräusche im Haus. Unsere Tochter Jolanthe (8) sitzt an ihrem Schreibtisch und malt. Ich lade sie ein ins große Bett zu den Mamas. Bin aber selbst schon seit 4 Uhr wieder mal hellwach.

Also lege ich mich nicht wieder dazu, schalte den Rechner an, arbeite, schreibe mir die Eindrücke von der Seele. Schreiben als Bewältigung. Das hilft mir.

Und trotzdem nehme ich wahr, wir sind nach wenigen Tagen alle einfach nur noch erschöpft, krank, genervt. Und da ist so viel Adrenalin. Bei mir, bei unseren Gästen. Das tut gut, verleiht uns Flügel – und es ist unfassbar anstrengend.

Schon bei der Online-Reisebegleitung für die drei nach Frankfurt fühle ich mich daran erinnert, wie es mir bei der Geburt der Kinder ging. Und ich weiß, all die schlaflose, hellwache, fantastische Zeit braucht Erholung danach.

Ein oft gebrauchter Satz inzwischen: „Take time to relax.“ Ruh dich aus.

Zuerst sage ich das zu Anastasyia und Elena.

Inzwischen sagen sie es zu mir. Danke.

Eier im Kühlschrank

05.03.22

Wir halten Zwerghühner im Garten, die wir sehr lieben. Dottie, Claire, Auguste, Monique, Minerva und May.

Eigentlich gehören sie mit zur Familie. Aber auch sie mussten über Nacht selbständiger werden in der letzten Woche. Zum Eier sammeln war keine Zeit. Und dann gab es eben 15 Eier auf einmal und Omelette für alle. Das passiert, wenn die Welt Kopf steht.

Badewanne

05.03.22

Ein Film von Nastya per WhatsApp. Sie versucht in der Wohnung von Annes Vater den Abfluss der Badewanne zu schließen. „I think this not working“.

Chatverlauf
Sonne und Blumen auf dem Tisch

04.03.22

Lena war mit Ute einkaufen im Supermarkt. Das größte Erlebnis war die Brotschneidemaschine bei Lidl. Sie ist begeistert davon.

Auf dem Weg in die Wohnung, als die beiden mit den Einkaufstaschen im Aufzug stehen, sagt Elena plötzlich:

„You know… it’s so good… to wake up here in the morning and just see the sun and the flowers.“ "Weißt du… das ist so gut… hier morgens aufzuwachen und einfach die Sonne zu sehen und die Blumen."

Flucht Berlin HBF

04.03.22

„Ist sie immer so fröhlich?“ 

Frage ich beim Essen und schaue auf die kleine Mia, die neben uns spielt.

„Ja!“ Sagt Nastya. „Nur auf der Flucht, als es so kalt war, hat sie zwei Tage geweint.“ 

Ute überlegt: „Sie ist so ausgeglichen, balanced. Es ist bestimmt gut, dass sie gewohnt ist zu reisen. Und dass ihr versucht, immer etwas Positives zu sehen.“

„Genau. So haben wir das gemacht mit ihr!“ Erklärt Nastya.

„Als wir stundenlang laufen mussten…

‚Schau mal, wie schön, dieser Sonnenuntergang!‘ oder ‚Ich bin schon gespannt, was nach der nächsten Biegung kommt…‘ Und jeden Morgen beim Aufwachen voller Begeisterung: ‚Yeah! We will go on a new trip today!‘“

gedeckter Tisch mit Bier und Borschtsch

04.03.22

Ich bekomme ein Foto vom ersten Einkauf im Supermarkt. Stolz schreiben die beiden, dass sie gar nicht in einem der beiden Läden in der Nähe waren, die ich ihnen gezeigt hatte. Über Google Maps haben sie Lidl gefunden, da ist es günstiger. Dann wird gekocht. Und wir sind natürlich eingeladen.

Als wir die Wohnung betreten umhüllt uns ein wunderbarer Duft – warm, weich, würzig.

Es gibt Borschtsch. Und das Budweiser Bier, das mein Vater noch im Kühlschrank hatte.

Der Borschtscht schmeckt fantastisch. Elena erklärt, dass es schrecklich war, nicht selbst kochen zu können. Tagelang nur Sandwiches.

Nastya spricht nicht mehr. Sie isst und isst und isst… Und strahlt. Zum ersten Mal erlebe ich sie entspannt und glücklich. Soulfood. Ein erstes Ankommen.

Flucht; Anstehen an der Grenze

04.03.22

Wir kennen uns jetzt 48 Stunden. Wenn frau das so nennen möchte. „Kennen“ über WhatsApp und Telegram.

Bisher ging es nur um Organisatorisches, dann um die Freude, dass sie da sind, und immer wieder um die Kinder – um Mia und um unsere drei.

Ich habe nicht gefragt nach den Lieben, die zurückgeblieben sind, nach der Situation in der Ukraine. Meine Freund*innen fragen mich: Woher kommen sie? Wie alt sind sie?

Ich weiß es bis heute nicht.

Wir haben uns vor 20 Stunden zum erstem mal gesehen, gehört, in den Arm genommen.

Jetzt gehen wir zusammen übers Feld. Die Kinder haben auf dem Spielplatz getobt, uns Großen ist kalt geworden. Also laufen wir ein Stück Richtung Wald. Wir sprechen nicht. Ich freue mich im Stillen über die starken Silhouetten der Winterbäume gegen den Abend-himmel. Da sagt sie: „What beautiful tree.“ Was für ein schöner Baum. Soulmates.

Und dann nimmt sie ihr Handy raus. Innerhalb von wenigen Minuten, innerhalb von wenigen Schritten sehe ich die Flucht.

24.2. Landung in Kiew nach einem dreimonatigen Job-Aufenthalt in Sri Lanka. Zwei Stunden später: es ist Krieg. Die Koffer bleiben einfach eingepackt, nur warme Sachen kommen noch dazu. Kein Ankommen, kein Abschied. Einfach nur weg. Leben.

20 Stunden im Auto nach Westen Richtung Grenze. Dann geht es zu Fuß weiter. 10 Kilometer. Die eine schleppt die Koffer, die andere trägt das Kind, wenn es nicht mehr kann.

An der Grenze 7 Stunden anstehen. Draußen auf der Straße. Ohne Decken, ohne Essen, Trinken. Es ist so kalt.

Aber die Warteschlange der Autos ist noch viel länger. 2-3 Tage braucht man im Auto an der Grenze, erklärt Nastya. Und es ist zu gefährlich. Sie werfen Bomben auf die Autos.

Dann lieber stehen und leben. Jederzeit bereit in Deckung zu gehen.

Das nächste Bild kenne ich so aus den Medien. Ein U-Bahn-Tunnel oder eine Unter-führung mit Menschen, die Schutz suchen, auf dem nackten Boden sitzen, schlafen.

Jetzt verstehe ich den ersten Satz, der irgendwie eine Art Bitte enthalten hatte, gestern über WhatsApp. Auf die Frage, was sie brauchen in der Wohnung. „Nothing. As long as it is warm.“ Nichts. Hauptsache es ist warm.

Dann folgen 2 Tage in Krakau bei einer freundlichen polnischen Familie, die die drei aufnimmt. Ihnen noch 100 € mit auf den Weg gibt von Krakau nach Frankfurt.

5 Minuten gemeinsamer Weg Richtung Wald, 5 Fotos auf dem Handy. Ich könnte einfach nur heulen.

Mia auf Schotterweg im Park

04.03.22

Auf dem Weg zum Park ist Mia von Kleinigkeiten fasziniert. Hier eine Beere am Strauch, da ein glitzernder Stein. Sie nimmt alles wahr. Und darf alles untersuchen, anfassen.

Super, denke ich. Das gefällt mir. Dieses Kind und die entspannten Mamas.

Dann sind wir da und Mia kniet plötzlich auf dem Schotterweg. Sie will nicht weiter, befühlt innig ein graues Stück Vlies. Das war wohl mal unter dem Schotter verlegt. Ich habe es schon oft wahrgenommen im Vorbeiradeln. 

Lena versucht zu übersetzen. „Mia thinks it’s a…“ Das Wort fehlt. Wir versuchen es mit Händen und Füßen… meint sie „Wolle“? Oder… Und dann verstehe ich, als Lena von der „Kleidung von Tieren“ spricht. Für mich ist es Müll, für Mia das Fell eines kleinen Hasen.

Anastasiyas Großmutter

04.03.22

Beim Spazierengehen versucht Lena etwas zu erzählen. Es ist ihr wichtig. Nach einigen Versuchen verstehe ich, dass sie ältere Menschen in der Ukraine vergleicht, mit den älteren Menschen, die sie heute in Dietzenbach gesehen hat.
„Bei uns ist es so“, beschreibt Lena. „Die Leute arbeiten und arbeiten und wenn sie alt sind, sieht man sie nicht mehr. Aber hier habe ich alte Menschen im Café gesehen. Sie gehen spazieren. Lena hat Tränen in den Augen.

04.03.22

Joli freut sich so sehr darauf, Mia und ihre Mamas endlich kennen zu lernen. Aber kurz bevor wir rüber gehen wollen zu ihnen, wird sie unsicher. „Aber was mache ich, wenn ich sie nicht verstehe? Wie sollen wir reden?“ Plötzlich will sie doch lieber daheimbleiben. „Mach dir keine Sorgen! Das ist kein Problem. Ihr braucht keine Sprache.“ Wir brechen auf, Joli mit dem Scooter, über der Schulter ihren kleinen Holzroller für Mia.

Sie treffen sich vorm Haus, zuerst schüchtern, dann werden die Roller hin und her getauscht. 10 Minuten später im Park: Joli nimmt Mia an der Hand und die beiden sind weg. Auf der Schaukel, der Rutsche, dem Klettergerüst. Joli ist oben zieht Sand in einer Gummischale an Ketten auf die Plattform, Mia steht unten und öffnet die Hände. Immer wieder lässt Joli ihr den Sand in die offenen Hände rieseln.

Und dann spielen sie fangen, verstecken sich. „Buh“! Sie tun so, als wollten sie einander erschrecken und lachen, lachen, lachen. Immer wieder - den ganzen Nachmittag und Abend: „Buh“! Eine wilde gemeinsame Sprache.

04.03.22

Sie sind angekommen. In der Nacht.
Am Nachmittag nach der Schule will Joli endlich ihre „neue kleine Schwester“ treffen (wie sie sagt). Bevor es los geht, bittet sie: „Zeig mir nochmal das Bild!“
Sie will das erste Foto sehen, dass ich ihr gezeigt hatte von den Dreien.
Kritisch studiert sie es.
Und sagt dann: „Die sehen ja eigentlich aus wie wir.“

Stofftier Krake auf dem Sofa

04.03.22

Mit Joshua (12) in der Schulmensa. Zum ersten Mal ist Zeit, dass ich ihm erzähle, wie das gestern ablief mit der Flucht, mit dem Bahnchaos und dem Ankommen.
Er hört gebannt zu. Und dann sagt er: „Dann warst du ja wie so eine Geheimagentin, die in der Zentrale sitzt und alles steuert“

Das gefällt mir. Ich stelle mir aber eher so eine altmodische Telefonzentrale vor, auf dem großen schwarzen Büro-Ledersessel mit Rollen sitzt ein Krake, die vielen Arme strecken sich in alle Richtungen und stecken die Kabel und Leitungen um. Gut vernetzt.

Elena und Mia im Zug in Deutschland (2) Elena und Mia im Zug in Deutschland

03.03.22

Am 01.03. die erste Nachricht über ein Internetportal. 50 WhatsApps später die ersten persönlichen Informationen. Und zum ersten Mal ganz deutlich: „my wife“. Also war mein Bauchgefühl richtig, die beiden Frauen sind ein Paar. Und sie vertrauen mir, vertrauen sich uns an. Die ersten zwei Fotos kommen. Nastya mit der kleinen Mia. Dann alle drei zusammen.

Am 02.03. die Entscheidung. Auf meine Frage, ob sie mein Angebot annehmen wollen oder ob ich mit ihnen etwas anderes suchen soll. Knapp und klar: „We want you“.

Die Reise von Krakau bis Berlin 85 Nachrichten. Sie schaffen es in den Zug in Polen „Now I know why you couldn’t reserve seats. Thera are no! We are standin“.

Und dann das erste Foto in Deutschland, Berlin. Zweieinhalb Stunden Verspätung seit Krakau. Die Verbindung zur Weiterreise nach Frankfurt ist natürlich weg. Die erste Familienreservierung für Sitzplätze damit auch. Ebenso die zweite und dritte für die nächsten ICEs.

Es wird hektisch. Wie erkläre ich Tiefbahnhof? Welcher Zug kann überhaupt wie schnell erreicht werden? Direkt wird eh nichts mehr. Wo gibt es noch Anschlusszüge bis Frankfurt mitten in der Nacht? Die Nachrichten werden immer kürzer. Jetzt ist auch keine Zeit mehr für eine Reservierung. Fotos von Anzeigetafeln und elektronischen Zuglaufschildern helfen weiter wo die Kommunikation über Google Translate zu lange dauert.

Und immer wieder ganz schnell reagieren, ständig online dabei. Welcher Zug jetzt? „Passt Frankfurt / Oder?“ „Nein!!! Der ist falsch. Ihr müsst nach Frankfurt / Main!!“
Und dann endlich „We are on the train!“ Durchatmen. Wir lachen. Feiern. Eine Minute später. Piep, Piep. Neue Nachricht: We are on the wrong train!

Utes Schulfreundin in Göttingen klingeln wir aus dem Schlaf. Das erste Telefonat seit zwei Jahren. Klar, sie würde die drei holen. Aber die sind jetzt schon fast in Kassel. Ich suche im Internet nach einem bezahlbaren Hotelzimmer dort am Bahnhof. Aber Nastya schreibt: „No! Wait! We will try!“ Ankunft in Kassel 22:42 und Abfahrt nach Frankfurt 22:42 – wie soll das gehen? Sie rennen zum anderen Gleis, schaffen es! Jetzt hängen wir die Willkommensschilder, die die Kinder gemalt haben, an die Wohnungstür und brechen auf nach Frankfurt zum Hauptbahnhof.

Krakau – Frankfurt am Main am 03./04.03.22: Zwei Tage, drei Familienreservierungen, unzählige Nachrichten, Fotos, Emojis... Dann nehmen wir uns in den Arm. You are safe.

Drei Vögel am Kühlschrank Drei Vögel am Kühlschrank

05.03.22

Zarte bunte Vögel auf kleinen Magneten. Die sind neu am roten Kühlschrank meines Vaters. „Ach, wie schön!“ Sag ich zu Nastya „Habt ihr die heute gekauft?“ „Nein!!“ wehrt sie bestimmt ab! Gestikuliert. Es ist ihr ganz wichtig. „Wir haben sie von daheim mitgebracht.“

Das trifft mitten ins Herz. Ich sehe die drei vor mir als wir sie am Bahnhof abgeholt haben. Zwei Erwachsene mit Kleinkind. Zwei Koffer und zwei Plastiktüten.
Kleidung, Decken, Spielzeug. So wenige Dinge konnten sie mitnehmen. 1858 km weit. Aber die zarten Vögel sind dabei.

Und jetzt fliegen sie hier an einem Kühlschrank in Dietzenbach.