Blog - Teil 4

Feminismus-Anfängerin 4

Rollenbilder

So, heute gibt es einen Rundumschlag zu Rollenbildern. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass der Mensch in der sozialen Interaktion Kategorien braucht, um handlungsfähig zu sein. Denn die Soziale Interaktion „[ist ein] Prozess, in dem Menschen sich aufeinander hin orientieren und in dem sie in wechselseitiger Reaktion auf ihr jeweiliges Verhalten handeln“ (Joas 2007, Lehrbuch der Soziologie, S. 135). Um sich in sozialen Interaktionen, also in Begegnungen mit anderen Individuen  „richtig“ zu verhalten, spielen die erwartbaren Erwartungen eine wichtige Rolle.

Genauso verhält es sich auch mit Rollenbildern. Auch sie helfen, Menschen und Situationen besser einzuschätzen und handlungsfähig zu sein. Und nun kommt Feminismus ins Spiel. Feminismus, verstanden als jene Bewegung, die sich unter anderem für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung einsetzt. Denn für eine gleichberechtigte Welt ist es notwendig, die klassischen Rollenbilder aufzubrechen. Wenngleich dies zu Situationen führt, die uns im ersten Moment handlungsunfähig machen können, weil wir unser Gegenüber nicht richtig einschätzen können. Aber das ist ja das schöne am Menschen, dass er ein Leben lang dazu lernen kann. Und so können wir auch lernen, mit anderen Rollenbildern als den klassischen Frauen/Mädchen/Rosa/Pferde- und Männer/Jungs/Blau/Fußball-Rollen umzugehen.

Allerdings sehe ich das grade gar nicht, zumindest nicht in naher Zukunft. Ich bin stolz, wenn mich meine Tochter beim Vorlesen korrigiert, wenn ich - wie es geschrieben steht, lese,  dass ein Mädchen sich als Pirat verkleidet - aber es ja Piratin heißen muss. Meine Bemühungen sehe ich jedoch den Bach heruntergehen. Als berufstätige Mutter gehen meine Kinder in eine Kindertagesstätte, natürlich, und verbringen dort einen großen Teil ihrer Lebenszeit, mit  entsprechender Prägung. Mit dem Ergebnis, dass ich von Jungs- und Mädchenfarben, Jungs- und Mädchen-Fernsehsendungen und dem Kampfruf „Mädchen gegen Jungs“ höre. Da komme mal jemand_e gegen an.

Fanatismus jeglicher Form lehne ich ab. Aber gerne beharre ich darauf, dass Worte eine Macht haben. Und wenn es an der Basis schon nicht klappt, Kinder für Diversität zu sensibilisieren, wie soll es dann bei erwachsenen Menschen funktionieren?

Da wäre es doch super, wenn Kirche voran ginge?! Gehört feministische Theologie eigentlich zum Kern-Curriculum eines Theologiestudiums? Spätestens im Prediger*innenseminar sollte doch darauf aufmerksam gemacht werden, dass mit der Verkündigung nicht nur Gottes Wort und Jesu Liebe vermittelt wird, sondern viel mehr. So wünschen sich doch viele „Schäfchen“ mehr Bezug zur aktuellen Lebenssituation. Aber dann sitze ich im Gottesdienst, habe auch Bezug zur Gegenwart und trotzdem werde ich eingeteilt in: Die Frauen/Mädchen lesen den ersten Vers, die Männer/Jungs den zweiten Vers und den dritten - immerhin - gemeinsam. Da hätte die Pfarrperson genauso gut „Mädchen gegen Jungs“ sagen können. Es gibt so viele andere Möglichkeiten, Gruppen einzuteilen.

Leben und leben lassen - das ist mir wichtig. Welche Lebensform auch immer ein Mensch für sich gewählt hat, sie ist in Ordnung für mich. Solange dieser Mensch mich auch so sein und leben lässt, wie ich bin. Und demokratische und menschenrechtliche Werte und Regeln beachtet. Ich  bemühe mich auch darum.
Lasst die Einteilung doch einfach weg, wenn sie nicht notwendig ist.

Und hier findest du Teil 1, Teil 2 und Teil 3 nochmal.

Und zum Reinhören klicke hier.

Autorin: Anne Wisseler-Soos